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Kein Fall Fritjof Meyer

von Olaf Rose

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr man in Lexika über Auschwitz (poln.: Oswiecim) nur, daß es sich um eine galizische Kleinstadt am Einfluß der Sola in die Weichsel handelt, mit einem Knotenpunkt an der Nordbahnlinie Wien-Krakau, einem Bezirksgericht, einem Hauptzollamt und einem Zinkwalzwerk. Auffallend war vielleicht, daß es mehr als 50 Prozent jüdische Bewohner beherbergte.

Nach den polnischen Teilungen war es Österreich zugeschlagen worden. Für die Soldaten der K.u.K.-Armee hatte man am Stadtrand zu beiden Seiten einer langen Pappelallee eine Reihe roter Backstein-Kasernen errichtet. Im Zweiten Weltkrieg geriet Auschwitz erneut unter deutsche Herrschaft. Unter Verwendung der ehemaligen Kasernengebäude wurde dort ein Konzentrationslager eingerichtet, auch Arbeitslager für die nahegelegene kriegswichtige Industrie geheißen. Im Juli 1944 betrug die Gesamtzahl der im Stamm- und in allen Nebenlagern festgehaltenen Gefangenen 155168 Personen.
Ende Januar 1945 eroberte die Sowjetarmee das Gelände, nutzte das Lager noch eine Weile für ihre deutschen Gefangenen und löste es dann auf. Die Welt nahm von der erneuten Rückkehr des Städtchens nach Polen zunächst kaum Notiz. Obwohl man „nur“ einige Tausend Sieche fand – die anderen Gefangenen waren in so genannten Hungermärschen kurz vor Auflösung des Lagers von den Wachmannschaften herausgetrieben worden – zählten die Sowjets jedoch in Auschwitz vier Millionen Ermordeter. Dieser Umstand nun machte Auschwitz zur Metapher des absolut und unvorstellbar Bösen, die Opferzahl wurde für eine Zeit lang kanonisch.
Im Mai 2002 erschien sehr zum Erstaunen einiger Hundert Osteuropahistoriker und –politologen in der Zeitschrift Osteuropa ein Artikel von Fritjof Meyer: Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde. Einen besonderen Anlaß für die Veröffentlichung gab es nicht: Es stand kein Jahrestag an, auch wurden keine wissenschaftliche Kontroverse und keine öffentliche politische Debatte geführt. Fritjof Meyer, Jahrgang 1932, wurde den Lesern als Diplom DHP, Diplom-Politologe und Diplom-Kameralist vorgestellt. Was der Sache eine besondere Bedeutung gab: Meyer arbeit als Leitender Redakteur des Hamburger Journals Der Spiegel.
Der für das Ressort Ausland verantwortliche Journalist – kein ausgebildeter Historiker – war zuvor noch nie mit Veröffentlichungen zum weltweit wohl heikelsten zeitgeschichtlichen Thema in Erscheinung getreten. Gleichwohl kann man davon ausgehen, daß er sich über das engmaschige Netz aus juristischen, politischen und gesellschaftlichen Fallstricken bewußt war, mit dem er es in seiner Beschäftigung mit den Opferzahlen zu tun bekommen würde. Meyer wird gewußt haben, daß viele Historiker, Journalisten und andere Personen Stelle, Pension und Reputation verloren haben oder sogar Erfahrungen mit dem politischen Strafvollzug machen mußten, weil sie Zweifel an der Größenordnung des Holocaust angemeldet hatten.
Dessen ungeachtet nahm Meyer gleich zu Beginn seines Aufsatzes das Ergebnis vorweg: „Vier Millionen Opfer im nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zählte 1945 die sowjetische Untersuchungskommission, ein Produkt der Kriegspropaganda. Lagerkommandant Höß nannte unter Druck drei Millionen und widerrief. … Ein Schlüsseldokument, das Auskunft gibt über die Kapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau, ist jetzt aufgefunden worden. Zu deren Nutzungsdauer ist zugleich eine Aussage des Lagerkommandanten Höß ans Licht gekommen. In Verbindung mit den vorhandenen, aber weithin unbeachtet gebliebenen Unterlagen über die in dieses Lager Eingelieferten läßt sich nun genauer berechnen, wie viele Menschen in Auschwitz ermordet wurden. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine halbe Million fiel dem Genozid zum Opfer.“ Von diesen, so stellte Meyer im weiteren Verlauf seiner Berechnungen fest, waren 356000 Juden…

Kein Fall Fritjof Meyer

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