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SCHULD DER SIEGER

Nach der Lektüre von 95 Prozent aller in diesem Jahr erschienenen Werke zum Ersten Weltkrieg fragt Benjamin Jahn Zschocke: Bedarf es noch eines weiteren?

Der Historiker Stefan Scheil, der bislang mit unpopulären Thesen zu den Ursachen des Zweiten Weltkrieges in Erscheinung trat und in diesem Jahr mit dem Historikerpreis der Kronauer Stiftung ausgezeichnet wurde, veröffentlichte Ende Oktober ein lang erwartetes Werk zu den Ursachen des Ersten Weltkrieges.

Der Titel Mitten im Frieden überfällt uns der Feind entstammt einer berühmten „Balkonrede“ unseres letzten Kaisers Wilhelm II. beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges und faßt die damalige deutsche Position treffend zusammen. In dem 275 Seiten umfassenden Werk hält sich Scheil vornehm zurück und läßt in umfangreichem Maße Zeitzeugen zu Wort kommen. Sein Buch ist im Grunde eine kompakte Quellenedition zur Kriegsschuld der vier Großmächte England, Frankreich, Rußland und den USA. Man kann dieses Buch als kritischen Kommentar zu Clarks Schlafwandlern lesen, dessen Thesen Scheil an vielen Stellen nicht weitgehend genug sind.

Die Geheimdiplomatie plante den Krieg seit 1892

Stefan Scheils das ganze Buch durchziehende Kernthese lautet: Mit dem streng geheimen Französisch-​Russischen Vertrag von 1892 arbeiteten beide Länder – insbesondere Rußland mit größter imperialer Unverfrorenheit – auf einen vernichtenden Krieg gegen das Deutsche Reich hin. England und die USA verhinderten diesen Krieg nicht, sondern arbeiteten vor allem aus wirtschaftlichen Aspekten mit den beiden Hauptaggressoren Frankreich und Rußland zusammen.

Besonders eindrucksvoll legt Scheil dar, daß es der im Halbschatten arbeitenden Macht der Geheimdiplomatie zu verdanken war, daß 1914 ein Krieg ausbrechen konnte. Am Beispiel Englands und Rußlands macht er deutlich, daß es zu dieser Zeit noch einzelnen Machtmenschen wie Sir Edward Grey und Sergej Sasonow möglich war, an ihrem jeweiligen Parlament und Volk vorbei einen Weltkrieg vorzubereiten.

Was war 1892 geschehen? Der Rückversicherungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Rußland war nach Bismarcks Rücktritt 1890 nicht verlängert worden. Ziel dieses Abkommens war eine gegenseitige Absichtserklärung, sich im Angriffsfalle militärisch beizustehen. Rußland suchte sich folglich neue Verbündete, um seiner Sicherheit – oder besser, seinen imperialistischen Zielen – Rechnung zu tragen.

Jedem sein Kriegsziel

Das zum Zeitpunkt des Französisch-​Russischen Vertrages von 1892 schon über zwanzig Jahre bestehende Deutsche Reiches hatte eine einzigartige Erfolgsgeschichte vorzuweisen: aus einem Großteil des losen Staatengefüges des Deutschen Bundes hatte Bismarck eine aufstrebende Wirtschaftsmacht geformt, deren Bevölkerungszahl explodierte, deren Handel blühte und deren Erfindergeist noch heute weltberühmt ist.

Insbesondere die drei weiteren europäischen Großmächte machte das mißtrauisch. In Frankreich war das Sicherheitsbedürfnis am größten. Von Nationalisten wurde nach der bitteren Niederlage von 1871 ein bedingungsloser Revanchismus gegen das Deutsche Reich geschürt, welches man sich wieder in die harmlose Form des losen Staatenbundes zurückwünschte, wie er von 1815 bis 1866 bestanden hatte.

England als weltbeherrschende See– und Handelsmacht bangte um seine wirtschaftliche Vormachtstellung und mußte sich folglich Partner suchen, die ihm diese erhalten helfen konnten. In Rußland war der Imperialismus unverfroren und vor allem – anders als in Frankreich oder England – unverschleiert. Seit Jahrzehnten schielte man auf große Brocken des auseinanderfallenden Osmanischen Reiches, insbesondere die Vorherrschaft über Konstantinopel (heute Istanbul) und die Meerengen am Schwarzen Meer. Das mit dem Osmanischen Reich verbündete Deutsche Reich stand diesem Ansinnen im Wege und mußte folglich ausgeschaltet werden…

http://www.blauenarzisse.de/index.php/rezension/item/5041-schuld-der-sieger

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